Ungesprengte Brücken

„Zu seiner Schande musste er gestehen, dass er noch nie in der Hauptstadt gewesen war. Wirklich eine schöne Stadt, überall Wasser und ungesprengte Brücken.“

Ich mag „Originale“ — Menschen die merk-würdig sind. Ich bin ja der Meinung, dass wir Menschen uns durch unsere Macken definieren. Das, was uns wirklich ausmacht, ist das, was uns von der Masse unterscheidet. Wir alle haben unsere kleinen Merkwürdigkeiten. Der einzige Unterschied ist, dass manche ihre Einzigartigkeit verstecken und andere sie nach außen tragen. Oftmals haben wir einen Hang dazu, „normal“ sein zu wollen. Wir fragen uns „was würden andere Leute als normal ansehen“. Das ist typisch menschliches Verhalten. Und es ist langweilig. Die Leute, die man gemeinhin als „Originale“ oder „Unikate“ bezeichnet, sind da anders. Ich mag das.

Allan Karlsson ist so ein Unikat. Allan ist hundertjährig, eigensinnig, vollkommen apolitisch und er sprengt gerne Sachen in die Luft. Und er ist eine Romanfigur. Das Schöne ist: Seine Freunde sind ebensolche liebenswürdige Unikate: Da hätten wir einen universalgelehrten, Ex-Ewigstudenten und zeitweiligen Imbissbudenbetreiber, einen strohdummen, tollpatschigen Einstein, den Chef einer 3-Mann Rockerbande, einen entlaufenen Elefanten namens Sonja und einige andere.

Es geht also mal wieder um ein Buch und zwar um „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson. Ich hab das Buch schon vor Monaten fertig gelesen, aber bin nie so wirklich dazu gekommen, darüber zu bloggen. Das hol ich jetzt einfach mal nach.

Nachdem ich schon von den tollen Charakteren geschwärmt habe, nun zu den anderen Eigenschaften, die bei nem Buch interessant sein können. Worum gehts eigentlich? Nun, der Titel erläutert schon einen Teil der Prämisse. Allan Karlsson klettert an seinem hundertsten Geburtstag aus dem Fenster seines Altersheims… und er klaut einen Koffer mit 50 Millionen schwedischen Kronen. Während Allan also von den kriminellen Eigentümern des Koffers, sowie der Polizei gejagt wird, erfährt man die Lebensgeschichte des greisen Kofferdiebes. Und die hat es in sich. Irgendwie hat Allan das Talent, mit diversen historischen Persönlichkeiten zusammen zu treffen, Schnaps zu trinken, die Geschichte zu beeinflussen und Brücken zu sprengen. Kapitel mit Allans Lebensgeschichte wechseln sich ab mit den Ereignissen nach seinem hundertsten Geburtstag. Und bei jedem Sprung fragt man sich, was gerade spannender ist.

Sprachlich ist das Buch etwas anders als die Bücher, die ich sonst so lese. Was beispielsweise auffällt, ist dass direkte Rede vergleichsweise selten verwendet wird. Kaum ein Dialog ist länger als eine halbe Seite. Der Rest wird per indirekter Rede erzählt, was vielleicht etwas ungewöhnlich ist, aber dennoch ganz gut funktioniert. Ansonsten ist die Sprache recht eingängig, gut zu lesen und lässt einen immer wieder ein neckisches Augenzwinkern des Autors erahnen.

Wenn ich unbedingt etwas Negatives über dieses Buch sagen soll, könnte ich sagen, dass gegen Ende merklich Potenzial verschenkt wird. Man merkt dem Autor an, dass er das Buch zu Ende bringen wollte und deshalb die ein oder andere Abkürzung genommen hat. Anfang der 50er Jahre beispielsweise beratschlagen Mao und ein paar andere Kommunisten, die ich auch dramaturgischen Gründen mal unerwähnt lasse, wohin man Allen denn in Urlaub schicken könnte. Möglichst weit weg vom Kommunismus, den den hatte Allan satt. Kuba wird vorgeschlagen. Denn da — so glauben die Herren — käme der Kommunismus wohl als letztes hin. Ich beginne schon zu Grinsen bei dem Gedanken, dass Allan irgendwo am Strand von Kuba auf Fidel Castro und Che Guevara trifft. Und wie er die Kubakrise hautnah miterlebt, vielleicht ein paar interessante Telefonate führt und dabei seine Kontakte spielen lässt. Aber solche Erwartungen werden leider enttäuscht. Stattdessen verbringt der sonst so eifrige Sprengmeister und Präsidentenkenner fünfzehn Jahre faulenzend am Strand von Bali. Das ist ein wenig schade.

Trotzdem: Ich habe keine Seite dieses Buches bereut. Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ist eine aberwitzige Rundreise durch die Weltgeschichte. Keine trockene Geschichtsstunde, sondern vielmehr ein Märchen mit liebenswert schrulligen Charakteren vor historischer Kulisse. Sehr schön!

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